Wir reden soviel, um uns nicht selbst hören zu müssen.

Aktualisiert: 21. März 2020

Meistens findet man neue, unbekannte, verborgene Anteile von sich selbst, wenn man nicht damit rechnet.

An Orten, in Momenten in denen man es nicht erwartet.

Wenn wir uns auf den Weg zu uns selbst machen, erwarten wir so viel.

Vor allen Dingen von uns selbst.

Wir gehen los und ziehen an uns selbst.

Wir nehmen uns was ganz konkretes vor und das wollen wir dann bewusst ändern.

Doch genau das ist der Punkt.

Unsere Weiterentwicklung funktioniert so nicht.

Natürlich kannst du dir mit deinem Verstand vornehmen, das du ein bestimmtes Verhalten jetzt änderst. Das funktioniert bestimmt auch. Du änderst dein Verhalten. Ob das auf lange Sicht funktioniert weiß ich nicht. Bei mir tut es das nicht. Ich glaube wir entwickeln uns nur weiter, wenn wir unsere Seele heilen, wenn wir mit ihr begreifen.

Ich glaube wir entwickeln uns nur weiter, wenn wir uns über unsere Seele kennenlernen.

Unsere verborgenen Anteile finden.

Die wir bisher vergraben oder gar noch nie gesehen haben.

Scheinbar tragen wir essentielle Wesenszüge in uns, die aus Schutz so tief in uns vergraben sind, dass wir keine Ahnung davon haben.


Wir gehen also los und ziehen an uns selbst.

Erwarten, dass wir diese oder jene lästige Eigenschaft ablegen.

Das wir mit einer bestimmten Maßnahme uns selbst heilen oder dem zumindest ein bisschen näher kommen.

Und dann wundern wir uns, dass die Maßnahme, die wir ergriffen haben, scheinbar nicht greift.

Das sich nichts verändert.

Denn so funktionieren wir nicht.

So funktioniert unsere Weiterentwicklung nicht.

Sie springt nicht in dem Moment an, wenn wir eine konkrete Maßnahme ergreifen.

Unsere Weiterentwicklung springt viel später an.

Langsamer.

In genau dem Tempo in dem es unsere Seele verkraftet.

Darauf kannst du dich immer verlassen.

Das du auf dem Weg zu dir selbst, niemals etwas zu sehen bekommst, dass du nicht aushältst.

Und auf diesem Weg zu dir selbst sollst du Maßnahmen ergreifen.

Aber erwarte nicht, dass du sofort ein Ergebnis siehst.

DAs Ergebnis wird kommen.

Es braucht nur solange Zeit wie es eben braucht.


Aber ich bin vollständig abgeschweift.

Ich wollte eigentlich davon erzählen, dass man neue weitere Anteile von sich findet, wenn man es eigentlich überhaupt nicht erwartet.

Bei mir ist das immer so.

Ja, ich glaube ich kann sagen, es ist immer so.

Ich bin einen langen Weg zu mir selbst gegangen und ich gehe ihn immer noch.

Und er macht mir immer mehr Freude.

Ich bin auf einer Entdeckungsreise.

Das ich auf dem Weg zu mir Freude empfinde war bei weitem nicht von Beginn an so.

Aber das ist eine andere Geschichte.


Heute möchte ich dir erzählen, was gestern passiert ist.

Gestern, bzw. heute Nacht, habe ich einen weiteren Anteil in mir gefunden.

An einem Ort mit vielen, vielen Menschen.

An einem Ort, voller Lautstärke.

An einem Ort, an dem ich eigentlich nicht so richtig sein wollte.

Und es zeigt sich wieder, dass alles im Leben genauso richtig ist, wie es ist.


Ich saß also gestern inmitten dieser vielen, vielen Menschen.

Ein Situation in der ich mich noch nie wohl gefühlt habe.

Früher habe ich diese Orte ausgehalten, in dem ich getrunken habe.

Viel getrunken habe.

Mich betäubt habe.

Wie das eben alle tun.

Doch richtig wohl gefühlt habe ich mich noch nie.

Gestern saß ich inmitten dieser Menschen.

Es war laut.

Voll.

Eng.

Unendlich viele Eindrücke.

Gespräche.

Small Talk.

Und ich mittendrin.

Kaum in der Lage mich auf irgendwas zu konzentrieren.

Zu viele Eindrücke.

Zu viele Gespräche.

Zu eng.

Für mich.

Ich beobachtete mich.

Nahm wahr, was in mir vorgeht.

Ich kommunizierte an meine Freunde und Kollegen, dass das überhaupt nichts für mich ist.

Ich habe mich ausgedrückt, zu mir selbst gestanden. Auf die Gefahr hin, dass ich Unverständnis ernte.

Das ich anders bin.

Aber das war mir egal.

Ich habe mich ausgedrückt.

Und es purzeln wieder die Erkenntnisse über mich selbst.

Früher war ich auf Festen die Lauteste.

Mittendrin im Getümmel.

Immer mit dem quälenden Gefühl, nicht gesehen zu werden.

Nicht wahrgenommen zu werden.

Also habe ich gesprochen.

Laut.

Viel.

Sehr viel.

Mich in den Mittelpunkt gestellt.

In dem verzweifelten Versuch, das Gefühl zu bekommen, dass ich gesehen werde.

In dem quälenden Versuch, die Bestätigung zu erhalten, dass ich richtig bin.

Das wusste ich nur damals nicht.

Ich kann mich nur noch an das Gefühl erinnern, dass mich mein Leben lang begleitete.

Die permanente Anstrengung das Gespräch an mich zu reißen.

Etwas zu sagen zu haben.

In mir war so viel Verzweiflung.


Dann kam die Phase der Selbstannahme.

Mir wurde mein Leben lang erzählt, ich solle mich mehr zurücknehmen.

Nicht so im Mittelpunkt stehen.

Also fühlte ich mich wieder falsch.

Bis ich mich auf den Weg zu mir selbst machte und irgendwann nach vielen, vielen Schritten zu der Erkenntnis kam: Ich stehe gerne im Mittelpunkt und ich bin trotzdem gut so.

Das machte vieles leichter.

Ich habe losgelassen und akzeptiert, dass ich so bin.

Laut.

Im Mittelpunkt.

Immer was zu sagen.


Und jetzt bin ich offenbar in einer neuen Phase.

Sie hat sich in der letzten Zeit schon in ein paar Mal gezeigt.

Aufgeblitzte Erkenntnisse, die sich langsam ihren Weg suchen.

So ist das bei mir immer.

Es zeigen sich kleine Gedanken und Gefühle in Sekundenbruchteilen.

Kaum wahrnehmbar.

Wie kleine Pusteblumenflieger, die an dir vorbeischweben.

Du siehst sie und du denkst: Huch, was war das denn?

Und dann ist auch schon wieder vorbei.

So bahnen sich deine neuen Anteile manchmal ihren Weg.

Leise.

Ohne brachiale Gewalt.

Ohne, dass du das beschleunigen oder beeinflussen kannst.

Und dann, wenn du ganz aufmerksam bist, dann wird der Anteil, von dem du bisher keine Ahnung hattest, immer deutlicher. Er zeigt sich in seiner ganzen Schönheit.

Und gestern zeigte er sich dann in mitten dieser lauten, menschengedrängten Feier.

Ich meine nicht, dass ich mich in solchen Menschenmassen schwer abgrenzen kann.

Ich meine nicht, dass ich in solchen Menschenmassen viel zu viel aufnehme, höre, fühle.

Ich meine nicht, dass Small Talk mir einfach nicht liegt (auch wieder ein anderes Thema).

Ich meine noch nicht einmal, dass ich die Stille brauche und liebe.

Das sind zusammengefasst auch alles Erkenntnisse von gestern.

Die sind mir aber nicht so neu.

Sie kamen einfach gestern nur alle zusammen.

Neu sind ganz andere Dinge gewesen.

Neu ist, dass ich gar keinen Drang verspürt habe, im Mittelpunkt zu stehen.

Neu ist, dass ich gar keine Zwang verspürt habe, überall anerkannt zu werden und dazugehören zu wollen.

Neu ist, dass ich kein Bedürfnis habe zu Reden.

Das bringt es auf den Punkt.

Ich habe so unfassbar viel geredet in meinem Leben.

Leere Worthülsen.

Nur um des Redens willens.

Nur um wahrgenommen zu werden.

Ich dachte immer über mich selbst, dass ich gerne und viel rede.

Das ich nicht so zu den stillen Menschen gehöre.


Und da ist sie die Erkenntnis.

Ich habe soviel geredet, um mich zu schützen.

Um mich zu retten.

Und jetzt.

Jetzt habe ich immer weniger das Bedürfnis zu reden.

Wir reden alle soviel, um uns nicht selbst hören zu müssen.

Und jetzt bin ich in einer Phase wo ich mich gerne selber höre.

Ich möchte mir lauschen.

In der Stille.

In mir.

Ich möchte nicht reden.

Plappern.

Labern.


Ich lausche meiner Seele.

Sie ist so wunderschön.

Sie hat soviel zu sagen.

Sie kennt alle Antworten auf alle Fragen die ich mir mein Leben lang stelle.

Ich möchte die Welt aus der Stille kennenlernen.

Nichts übertünchen.

Nichts bewerten.

Wahrnehmen was ist.

Und einfach nur sein.

Aus meiner Stille.


Deine Patrizia


Photo by Filip Kominik on Unsplash







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