Über Mimik und wie sie unsere Stimmung und Kommunikation beeinflusst

Wir haben als Kinder eine (über-)lebenswichtigen Fähigkeit. Ausgerüstet mit einer im hier und jetzt verankerte wachen Aufmerksamkeit können wir Gesichter lesen. Denn das ist die einzige Kommunikationsform, die wir mit auf die Welt bringen. Wir schauen in die Gesichter unserer Bezugspersonen und bekommen eine Resonanz. Darüber entsteht zum Beispiel auch unser Selbst. In diesem Artikel bekommst du einen Überblick darüber, warum Mimik unsere stärkste Kommunikationsform ist und was das mit der direkten Verbindung zum limbischen System zu tun hat, wie aussagekräftig unserer Mimik ist und was du davon hast, wenn du unsere älteste Sprache - die nonverbale Kommunikation in deinen Gespräche in Zukunft berücksichtigst.



Wir kommen mit einer besonderen Fähigkeit zur Welt. Wir können Gesichterlesen. Denn das ist Überlebenswichtig. Zu Erkennen, was im anderen vorgeht. Über die Jahre verlieren wir diese Fähigkeit. Unsere Wahrnehmung verschiebt sich.
Gesichterlesen ist als Baby überlebenswichtig. Photo by Nyana Stoica on Unsplash

Gesichter lesen kann (eigentlich) jeder, aber warum ist das so?


Die Fähigkeit Gesichter zu lesen und wahrzunehmen ist für uns als Kinder ein Überlebensfaktor. Wir schauen danach, wie die Stimmung in der Umgebung und bei unseren Bezugspersonen ist und passen uns dem so gut wir können an. Im Laufe der Zeit geht diese wache Aufmerksamkeit auf die Mimik und Körpersprache verloren. Sie findet immer mehr unbewusst statt und sie beeinflusst uns unablässig in unserem Verhalten gegenüber anderen Menschen, weil wir wahrnehmen, was sie ausdrücken. Das beeinflusst uns. Doch woher kommt das bzw. warum ist das so?


Bei unseren Vorfahren war die Ausprägung unsere Sinne wesentlich wichtiger als das gesprochene Wort. Heute hat sich alles sehr auf unsere verbale Kommunikation gelegt und dadurch gerät - noch verstärkt durch die Digitalisierung - die nonverbale Kommunikation immer mehr aus dem Fokus. Doch dadurch sind wir quasi auf einem Auge blind. Bereits heute können die meisten Menschen nur noch 60% der Emotionsausdrücke erkennen. Dabei ist unsere Mimik ein hoch differenziertes Ausdrucks- und Kommunikationssystem. Nicht umsonst haben wir ca. 30 Muskeln im Gesicht, von denen nur drei eine biologische Funktion haben. Drei!

Zu diesen drei Muskeln gehört der Ringmuskel des Mundes, der Ringmuskel der Augen und der Kaumuskel. Alle anderen Muskeln dienen allein der Kommunikation, in dem sie unser Gesicht bewegen. Wir haben zum Beispiel einen großen Muskel auf der Stirn, der unsere Stirn bei bestimmten Bewegungen der Augenbrauen in Falten legt. Oder der große Jochbeinmuskel, den wir recht gut erkennen, wenn z.B. jemand lacht. All diese Muskeln sorgen dafür, dass Mimik in unserem Gesicht entsteht. Und wenn die Evolution so ein ausgeprägtes Muskelsystem im Gesicht erhält, hat das sehr wahrscheinlich einen Sinn oder nicht?


Spannend ist zum Beispiel auch, dass in unserem Gesicht die Muskulaturdichte sehr hoch ist, wenn man sie mit der Muskeldichte im restlichen Körper vergleicht. Dort versorgt ein Neuron mehrere hunderte Muskelzellen mit elektrischen Signalen. Im Gesicht beträgt das Verhältnis 1:3 bis 1:25.


Was hat sich die Evolution wohl dabei gedacht, dass wir soviel Muskeln im Gesicht haben - die noch dazu in direktem Kontakt mit unserem limbischen System stehen?

Unsere Vorfahren waren darauf spezialisiert in Sekundenbruchteilen in Situationen zu reagieren. Du kennst sicher die Geschichte mit dem Säbelzahntiger. Wenn der vor dir stand, gab es keine Zeit mehr darüber nachzudenken, ob und wie du reagierst. Dein limbisches System hat das für dich geregelt. Und zwar pronto. Emotionen steuern unser Handeln. Blitzschnell.

Und Emotionen erscheinen in unserem Gesicht. Und auch das wiederum blitzschnell.

Das kann so subtil sein, dass ein ungeschultes Auge, dass nicht wahrnimmt.

Und schon übersiehst du ein wichtiges Signal.

Stell dir vor du hast ein wichtiges Gespräch und du übersiehst die Signale deines Gegenübers. Sei es Trauer, Ärger oder Verachtung.

Und jetzt stell dir vor, du siehst sie zukünftig.

Was wäre dann anders?


Dann könntest du Wertschätzend auf dein Gegenüber eingehen und besser verstehen, warum er oder sie so handelt wie er oder sie gerade handelt.


Und dann sind wir auch noch ursoziale Wesen. Wir mussten immer in einer Gruppe funktionieren und sind darauf konditioniert, zu sehen, was in den Gesichtern und der Körpersprache - also nonverbal - bei anderen Gruppenmitgliedern los ist. Unser Gehirn ist in erster Linie nur auf eine einzige Frage gepolt. Aber darauf kommen wir später noch einmal zurück.

Kommen wir erst einmal zurück zu der Muskulatur im Gesicht und der direkten Verbindung zu unserem limbischen System. Wusstest du, dass du mit deiner Muskulatur im Gesicht dein Gehirn und damit deine Stimmung beeinflussen kannst. Dazu möchte ich dich zu einer kurzen Übung einladen. Jetzt gleich. Okay? Bist du bereit? Du brauchst lediglich eine Uhr oder einen Timer und dein Gesicht. Stell dir einen Timer auf 90 sec und starte: Fertig?

Dann zieh jetzt deine Mundwinkel hoch.

So weit du kannst.

Und halte sie so.

Denk dran. 90 sec.

Beobachte dich dabei innerlich selbst.

Was passiert mit deiner Stimmung?


Mimik - Auszug der Muskulatur im Gesicht

Wie hast du dich bei dieser Übung gefühlt?

Was hast du beobachtet?

Das spannende daran ist, dass du also dein Muskeln im Gesicht einsetzen kannst, um deine Stimmung zu beeinflussen. Es gibt aber noch etwas anderes, dass unsere Stimmung beeinflusst und das sind unsere Spiegelneuronen.


Gehörst du auch zu den Menschen, die sich schlechter von den Stimmungen anderen Menschen abgrenzen können? Dabei spielen unsere Spiegelneurone ein große Rolle.


Im Jahr 1991 haben italienische Forscher per Zufall die Spiegelneuronen entdeckt, also vor gerade einmal 30 Jahren. Sie sorgen dafür dass wir fühlen, was andere fühlen. Diese Spiegelneuronen kommen in ganz unterschiedlichen Hirnregionen vor. Sie sind die biologische Basis unserer Empathie und sorgen dafür, dass wir schnell und spontan erkennen können, was andere Menschen fühlen bzw. was sein Handeln leitet. Der Verarbeitungsprozess der emotionalen Gesichtserkennung findet innerhalb von Millisekunden statt. In sage und schreibe

170 Millisekunden wird ein erster Eindruck im Gehirn hinterlassen und nach 350 Millisekunden erfolgt eine emotionale Bewertung in der Amygdala. Die Amygdala ist ein Teil unseres limbischens System und sie ist unter anderem an der emotionalen Bewertung von Sinnesinformationen beteiligt und sorgt für daraus folgende körperliche Relationen.


Die Spiegelneuronen sorgen dafür, dass die Gesichter , in die wir täglich schauen einen Einfluss auf unsere eigenen Stimmung haben und umgekehrt.

Und genau das ist der Pluspunkt, wenn du dich nicht gut abgrenzen kannst. Du kannst lernen darauf zu achten, was in deinem Gegenüber vorgeht, was in seiner Mimik passiert und wie Emotionen funktionieren. Das alles führt zu einem besseren Verständnis und erweitert deine Wahrnehmung sowohl für dein Gegenüber als auch für deine eigene.


Spannende Extrainfo: Spiegelneuronen feuern sogar, wenn wir uns etwas nur vorstellen. Das heißt auch damit können wir unsere eigenen Stimmung beeinflussen.


Wie viel sehen wir im Anderen? Photo by Victorien Ameline on Unsplash

Unsere Mimik und das Gehirn

Es gibt inzwischen über 3000 Studien zum Thema Mimik. Für dich zum Vergleich über das Fuß-/Beinverhalten gibt es 0. Ja, genau 0 Studien. Das ist ein Ausdruck dafür, wie relevant die Mimik für unser Kommunikationsverhalten ist und wie irrelevant die Füße und in welche Richtung sie zeigen. Und das kulturübergreifend. Es gibt inzwischen klare Zuordnungen von Emotionen die sich in unserer Mimik zeigen, die in allen Kulturen genauso gezeigt werden. Wie genau die Mimikreize im Gehirn verarbeitet werden und welche Wege sie nehmen, darüber ist sich die Forschung noch ganz klar. Es wird im Moment davon ausgegangen, dass alles eng miteinander verzahnt ist. Klar ist jedoch bereits, dass für die Gesichtererkennung ein ganzes Gehirnareal zuständig ist und für den Rest des gesamten Körpers ein Gehirnareal.


Für die emotionale Gesichtererkennung ist nach dem heutigen Wissensstand der orbitofrontale Cordes zuständig. Die Amygdala wiederum sorgt für besonders schnelle Reaktionen auf bestimmte Mimiken. Sie reagiert besonders auf ängstliche oder aggressive Mimik. Was für uns evolutionär ja Sinn macht, damit wir eben besonders schnell re-agieren können (du erinnerst dich, der Säbelzahntiger). Vielleicht fragst du dich, was du mit den Informationen sollst, welche Gehirnareale betroffen sind. Um Menschen besser zu verstehen, kommen wir an Gehirnwissen nicht ganz vorbei und es verhilft uns zu einem tiefen Verständnis der Zusammenhänge menschlichen Verhaltens.

Wusstest du zum Beispiel, dass unser Gesichtsnerv, der nucleus nervi faciales direkt mit unserem limbischen System verbunden ist und gleichzeitig Verbindungen zum Kortex hat, der die willkürliche Kontrolle des Ausdrucksverhaltens ermöglicht. Unser willkürliches (also bewusst herbeigeführtes) Ausdruckverhalten entsteht also durch die kortikalen Verbindungen (vereinfacht gesagt unseren Denkapparat) und unser unwillkürliches Ausdrucksverhalten durch die Verknüpfung mit dem limbischen System (unserem Emotionszentrum).


Wie vorhin kurz erläutert, reagiert unser limbisches System viel schneller und unkontrollierter und zeigt somit in der Mimik und der Körpersprache was im Menschen vor sich geht. Man könnte also sagen unser Gehirn ist mit unserem Gesicht verknüpft.

Und das führt uns wieder zurück zu der Frage, worauf unser Gehirn gepolt ist. Es ist die alles entscheidende Fähigkeit blitzschnell beurteilen zu können, ob unser Gegenüber ein Freund oder ein Feind ist. Und genau deswegen gibt es in unserem Gehirn ein ganzes Areal (das fusiforme Gesichtsareal), was für die Gesichtererkennung zuständig ist. Und das wiederum führt dazu, dass wir sehr viel unbewusst über unser Gesicht miteinander kommunizieren und wir bereits innerhalb von einer Stunde unsere sogenannte Emotionserkennungsfähigkeit verbessern können.


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